Multiple Kreativität

Yvonne Sodl
Yvonne Sodl

Eine Gegenüberstellung der domänenspezifischen und ganzheitlichen Kreativitätsförderung im begabungsbasierten Unterricht der Volksschule

In der aktuellen Kreativitätsforschung existieren zwei konträre Ansätze – der ganzheitliche sowie der domänenspezifische. Die Theorie der ganzheitlichen Kreativität besteht bereits seit den 1950er Jahren und hat die Forschung der Kreativität lange Zeit geprägt. Vertreter der ganzheitlichen Kreativität, wie etwa Guilford, Runco und Torrance sprechen sich für Kreativitätsförderung als ganzheitlichen Faktor zur Begabungsförderung aus. Die Fähigkeiten zum divergenten Denken und Problemlösen werden dabei als ausschlaggebende Merkmale für kreative Leistungen genannt. Seit den 1980er Jahren existiert jedoch ein weiterer Ansatz , der von VertreterInnen wie etwa Baer, Kaufman, Han und Marvin, Gardner sowie Csiksentmihalyi geprägt wurde, die für einen Blick auf Kreativität als domänenspezifisches Konstrukt plädieren. Dabei wird davon ausgegangen, dass eine Person ein größeres kreatives Potenzial in einem Bereich, als in einem anderen hat.

Im deutschsprachigen Raum gibt es kaum Forschungsergebnisse zur Gegenüberstellung der domänenspezifischen und ganzheitlichen Kreativitätsförderung sowie keine Trainingsprogramme zur Förderung der domänenspezifischen Kreativität in der Volksschule. Das Ziel ist es deshalb nicht nur die Modelle der Kreativitätsformen gegenüberzustellen, sondern auch zu verdeutlichen, welche Formen der Kreativitätsförderung Lehrpersonen im Begabungsunterricht der Volksschule bereits durchführen und welche Maßnahmen sie brauchen, um im Einsatz der domänenspezifischen Kreativitätsförderung weiter unterstützt zu werden.

Die qualitativen problemzentrierten Interviews als Methode der empirischen Sozialforschung erweisen sich für diese Studie als sinnvoll, da Lehrpersonen detaillierter befragt werden und vertiefende Einblicke aus der Unterrichtspraxis geben können. Die Stichprobe der Volksschullehrpersonen wird nach dem Kriterium der Ausbildung im Bereich der Kreativitäts- oder Begabungsförderung gewählt.

Die Ergebnisse der Literaturrecherche und der Auswertung der Interviews mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring zeigen einige Vorteile der domänenspezifischen Kreativitätsförderung im Begabungsunterricht der Volksschule auf. Das Kind erhält die Möglichkeit durch höhere intrinsische Motivation, mehr Wissen und Expertise, Persönlichkeitseigenschaften wie Offenheit und Neugierde und gezielte Förderung seine Kreativität in der individuellen Domäne zu entfalten und kreative Produkte zu zeigen. Ein Einsatz der ganzheitlichen Förderung zu Beginn der Schulzeit mit anschließender zunehmender Spezialisierung in einer kreativen Domäne, welches dem Modell nach Plucker und Beghetto (2004) „Conceptualization of Domain Specificity and Generality of Creativity“ entspricht, ist nach Ergebnissen der Literaturrecherche sowie der empirischen Sozialforschung zu empfehlen.

Im Rahmen der Masterarbeit wurde zusammenfassend ein Maßnahmenkatalog entwickelt, der Aussagen und Wünsche der Interviewpersonen mit Ergebnissen der Literaturrecherche vereint und zeigt, wie domänenspezifische Kreativität in der Volksschule stärker gefördert und ihre Vorteile vermehrt im Begabungsunterricht genutzt werden können. Weitere Forschungen sollten nun einen Fokus auf die Entwicklung einzelner Theorien für verschiedene Domänen der Kreativität legen. Die Aus- und Fortbildung sollte für Lehrpersonen die Etablierung des Begriffes und Phänomens der multiplen Kreativität forcieren.

30. Januar 2020

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