Kollegiale Hospitation

Ein Beispiel für gelebte Unterrichtsentwicklung

© KPH, CW

Hospitationen haben im erinnerten Lehrerleben oftmals einen wenig erfreulichen Beigeschmack, sind solche Erlebnisse doch manchmal mit Prüfungs- und Beurteilungssituationen verknüpft und dementsprechend im Vermeidungszentrum unseres Lehrer:innengedächtnisses angesiedelt. Zu Unrecht, wie wir meinen:

Kollegiale Hospitationen zählen zu den hilfreichsten und nachhaltigsten Tools zur Unterrichtsentwicklung. Damit Beobachtung und Feedback jedoch positiv wirksam werden können, braucht es nicht nur einen Vertrauensraum, sondern auch sonst noch einige Voraussetzungen.

Kollegiale Hospitationen sind Settings, in denen sich Kolleg:innen auf Augenhöhe begegnen, ja sogar auf gegenseitige Einladung – sie sind somit absolut freiwillig. Eine Lehrperson lädt sich ein bis zwei Kolleg:innen in den eigenen Unterricht ein und ersucht diese um ein qualifiziertes Feedback auf die zuvor gestellten Beobachtungsaufträge. Es geht also hier aus der Sicht der Besucher:innen nicht darum, dass man hospitieren geht, um sich etwas abzuschauen (obwohl das nicht ausgeschlossen ist), sondern darum, die einladende Kolleg:in bei ihren Fragestellungen zu unterstützen, ihr aus der Position von „critical friends“ (und durchaus auch aus der Schüler:innenperspektive!) zu berichten, was sie wahrgenommen haben und Anregungen für Veränderungen mitzugeben.

Die Vorteile eines solchen Settings liegen auf der Hand:

  • Die Beobachtungsschwerpunkte werden von den einladenden Lehrkräften definiert.
  • Beobachtungen sind Grundlage des kollegialen Feedbacks. Subjektive Wahrnehmungen, an den eigenen Erfahrungen gespiegelt, werden zur Gesprächsgrundlage.  
  • Der Unterricht wird gemeinsam untersucht, erforscht, reflektiert und weiterentwickelt.
  • Die Lehrperson kann ihre Eigenperspektive mit einer Fremdperspektive vergleichen. 
  • Ein Austausch zwischen Lehrer:innen beginnt, der nicht nur die Qualität ihrer Arbeit verbessert, sondern auch die kollegiale Beziehung vertieft, den Teamgeist fördert und damit die Chance zu einem kulturellen Wandel am Schulstandort eröffnet.
  • Einblicke in andere Schultypen, Kulturen, Fächer und Unterrichtsstile werden ermöglicht.
  • Lehrer:innen entwickeln ihre eigene Professionalität und Didaktik weiter.
  • Lehrer:innen werden zu Multiplikatoren an der eigenen Schule.

Es ist dabei nicht entscheidend, ob die Besucher:innen Fachkolleg:innen sind oder nicht, wichtig ist vielmehr, dass es um das Beschreiben von Wahrnehmungen geht und nicht um Wahrheiten, weshalb es auch besser ist, wenn man zwei Besucher:innen einlädt, weil sich dann ihre Beobachtungen und Bewertungen gegenseitig relativieren können. Als Einladender bleibt einem dann die Entscheidung, welche Feedbacks man als hilfreich und weiterführend erachtet und ebenso die Entscheidung über mögliche Veränderungsschritte aufgrund neuer Sichtweisen auf eine Klasse.

Im Rahmen eines „Jahrespackages“ haben wir im Beratungszentrum Schulentwicklung und Leadership der KPH das Konzept „Kollegiale Hospitation“ an zahlreichen Schulen mit Gruppen interessierter Lehrer:innen durchgeführt. Dazu haben wir die Bildung von „Tridems“ angeregt, Dreiergruppen, die sich gegenseitig auf Einladung von einer Person reihum zu Unterrichtbesuchen verabreden und zu zweit im Auftrag und zur Unterstützung der einladenden Kolleg:in tätig werden. Die Erfahrungen dabei gehen in ganz unterschiedliche Richtungen, wurden aber durchgehend als gewinnbringend, anregend, die Zusammenarbeit stärkend und sich positiv auf den Unterricht auswirkend beschrieben. Hier einige Statements von Teilnehmer:innen:

Es tat gut zu erfahren, dass

  • ... andere Kolleg:innen ähnliche Probleme haben, wie man sie bei sich selbst feststellt;
  • ... oft nur ein kleiner Tipp genügt, um Unterricht zu verbessern;
  • ... die eigenen Schüler:innen objektiv betrachtet annehmbarer sind, als man selbst dachte;
  • ... zwei Augen einfach nicht alles sehen können, was dreißig Schülerköpfe aushecken; 
  • ... man seinen Unterricht nicht verstecken muss, da man gute Arbeit leistet; 
  • ... nicht alles, was schief geht, stets die Schuld der Lehrperson ist; 
  • ... man von den Kolleg:innen Einblicke gestattet bekam, wie man es ermöglicht, sowohl eine angenehme Arbeitsatmosphäre zu schaffen als auch durch Rituale den Umgang miteinander zu erleichtern.

Wenn Sie Interesse an diesem Angebot bekommen haben, wenden Sie sich gerne mit Ihrer Anfrage an unser Beratungszentrum!

Weiterführender Link zu einem ausführlichen Artikel zum Thema „Kollegiale Unterrichtsreflexion".

Christian Winkler