Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik
Die Grundschulpädagogik/Grundschuldidaktik ist heute als eigenständiger Bereich im Kanon der pädagogischen Disziplinen zu sehen. In Österreich haben sich die Pädagogischen Akademien diesem Feld im Rahmen der Volks- und SonderschullehrerInnenausbildung immer gewidmet. Im Vordergrund stand jedoch die Lehre. Der Forschung über Lehren und Lernen in der Grundschule konnten sich die LehrerInnen aus verschiedenen Gründen kaum zuwenden.
Mit dem vom BMUKK herausgegebenen Kommentar zum Lehrplan der Volksschule (2004) und der Zeitschrift "Erziehung und Unterricht", in der regelmäßig Grundschulthemen behandelt werden, liegen wichtige Publikationen vor. Auch die Grundschultagungen, die vom Unterrichtsministerium in unterschiedlichen Abständen durchgeführt wurden, stellen Meilensteine für die Entwicklung der österreichischen Grundschule dar.
Zentrale Aufgabe des Kompetenzzentrums für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik an der KPH Wien/Krems wird es sein, durch internationale Zusammenarbeit an der Profilierung der Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik in Österreich mitzuarbeiten. Aus dem insgesamt großen Spektrum grundschulpädagogischer und grundschuldidaktischer Themen sollen vorerst Schwerpunkte aufgegriffen werden, über die einerseits in der aktuellen Bildungsdiskussion in Österreich ein Beitrag geleistet und andererseits die in langjähriger Arbeit entstandene Expertise einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann.
Schwerpunkt 1: Grundbildung
Bildungsansprüche von Kindern - Ziele und Aufgaben zukunftsweisender Grundschularbeit
Mit der Diskussion um Bildungsstandards eng verbunden ist die Frage nach dem Bildungsverständnis und hier vor allem die Frage nach dem Verständnis von Grundbildung. Was umfasst heute Grundbildung als genuine Aufgabe der Grundschule? Welche Erweiterungen oder Konkretisierungen ergeben sich daraus für die bisher zentralen Ansprüche an die Grundbildung?
- Grundbildung orientiert sich an den anthropologischen Bedürfnissen und Ansprüchen des Kindes
- Grundbildung orientiert sich an der Lebenswelt der Kinder
- Grundbildung orientiert sich an den Ansprüchen von Welt, also an Erfordernissen der Gesellschaft
- Grundbildung ist Bildung für alle Kinder
- Grundbildung muss Bildung in allen Grunddimensionen menschlicher Interessen und Fähigkeiten sein.
Auf der Basis der Allgemeinen didaktischen Grundsätze, die Grundprinzipien zur Gestaltung von Unterricht im Hinblick auf Bildung sind und damit einen gewissen Maßstab bzw. Standard für "guten Unterricht" darstellen, sowie in Anlehnung an die Diskussion um Standards zeitgemäßer Grundschularbeit im deutschen Grundschulverband soll diese Thematik aufgegriffen werden.
Schwerpunkt 2: Grundschuldidaktik konkret
Weiterentwicklung der Modelle offener Lernsituationen
Offener Unterricht bewegt sich zwischen Stagnation und Weiterentwicklung. Einerseits ist die erhoffte Ausweitung in der Schulpraxis nur teilweise gelungen, anderseits bieten jüngere Forschungsbefunde vielfältige Hinweise für die Notwendigkeit und Möglichkeit einer qualitativen Weiterentwicklung. Das selbständige, selbstgesteuerte Lernen, der handlungsorientierte, selbsttätige Aufbau von Kompetenzen, die konsequente Individualisierung durch Differenzierung bzw. offene Lernsituationen wird für alle Schulen in Zukunft noch weit mehr an Bedeutung gewinnen, vor allem wenn es gelingt, die Qualität der Aufgabenstellungen unter dem Anspruch der Offenheit zu erhöhen, die Möglichkeiten dialogischer Lernbegleitung durch differenzierte, lernförderliche Feedbackgespräche besser zu nutzen und methodische Wege zum Aufbau einer reflexiven Lernhaltung (metakognitive Kompetenzen) systematisch einzubauen.
Fehlerkultur und Feedback
Der Umgang mit Fehlern und Rückmeldungen ist eine Schlüsselstelle im Lehr-Lernprozess und stellt eine besondere pädagogisch-didaktische Herausforderung dar. Der Aufbau von Leistungsfreude sowie Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten ist wesentlich davon abhängig, wie mit Fehlersituationen und Rückmeldungen (Feedback) umgegangen wird. Für den Aufbau einer Fehlerkultur ist es notwendig, die Toleranz und Akzeptanz des Fehlermachens (verbunden mit einer Absage an jede Form der Beschämung) zu erhöhen, aber gleichzeitig mehr Know-how im konstruktiven Umgang mit Fehlern zu entwickeln. Was Rückmeldungen im Lernprozess betrifft, wird zunehmend deutlich, dass es notwendig ist, durch differenziertes Feedback den SchülerInnen klarere Hinweise im Hinblick auf Lernprozesse und Lernergebnisse zu geben. Untersuchungen (z.B. Richard 2005) zeigen, dass differenzierte und lernförderliche Rückmeldungen sowohl auf mündliche Aussagen, als auch auf schriftliche Arbeiten nicht die Regel sind.
Schwerpunkt 3: Schularchitektur
Die Grundschule als gestalteter Lebens- und Erfahrungsraum
Kinder und Jugendliche verbringen einen beträchtlichen Teil ihrer Kindheit und Jugend in der Schule, sie durchleben in der Schule eine entscheidende Phase ihrer Entwicklung. Das dort praktizierte Lernen und Schulleben legt Grund für lebenslanges Lernen, für die Freude am sich Bilden und Weiterbilden und für eine aktive Teilhabe an der Gesellschaft. Schulen als "Treibhäuser der Zukunft" (Kahl 2004) müssen daher Arbeits- und Lernlandschaften, Orte der Begegnung und vor allem Stätten sein, in denen Kinder und Jugendliche aneinander wachsen und Gemeinsinn entfalten können. (Vgl. Becker 1997; S. 209ff; Watschinger 2007, S. 31f)
Raum ist eine notwendige Strukturbedingung für Schule, für das Leben und für das Lernen in diesen Gebäuden. Daher sind Zukunftsfragen der Schule ohne die Einbeziehung von Raumqualitäten nicht zu lösen. Die Bedeutung von Räumen für das Gelingen schulischer Bildung wurde und wird nach wie vor erheblich unterschätzt: Eine Lernumgebung, die die biologischen, psychologischen und sozialen Bedürfnisse der SchülerInnen berücksichtigt, ist eine entscheidende Voraussetzung für erfolgreiches Lernen. Räumliche Gestaltungen haben erhebliche Wirkungen auf das Bedingungsgefüge des Lernens, soziale Kontakte, körperliches Verhalten, kurz: auf alle Interaktion und Kommunikation in der Schule.
Die Forderung nach mehr Individualisierung und Differenzierung ist alt, aber gerade in den letzten Jahren wird die Notwendigkeit wieder verstärkt gesehen und auf verschiedenen Ebenen eingefordert. Wer jedoch mehr an Individualisierung und Differenzierung, mehr an selbstgesteuertem, handlungsorientiertem Lernen in vielfältigen Unterrichtssituationen realisieren möchte, muss für eine entsprechend differenzierte Lernumgebung sorgen.
In Österreich stehen viele Schulgebäude aus den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts vor Sanierungen bzw. Umbauten. Hier gilt es in enger Zusammenarbeit zwischen ArchitektInnen und PädagogInnen die Chance wahrzunehmen und diese Schulen nicht nur notdürftig zu sanieren, sondern zukunftsweisende Raumlösungen zu entwickeln, die vielfältige Unterrichtsformen unterstützen und für die Kinder jene Wohnlichkeit ausstrahlen, dass menschliche Aspekte des Wohlbefindens, der Zuwendung und der Geborgenheit darin Platz finden.
Schwerpunkt 4: Fachdidaktische Themenfelder
Philosophieren und Theologisieren mit Kindern als (fächerübergreifendes) didaktisches Angebot
Die Techniken der Kinderphilosophie und Kindertheologie stellen ein breites Repertoire an Methoden zur Verfügung, um SchülerInnen zu eigenständigem und lustvollem Nachdenken zu ermuntern. Damit wird ein Baustein zu einer grundlegenden Denkschulung und damit zu grundlegender Bildung gelegt, deren Förderung als wesentlicher Anspruch der Grundschule gesehen wird (siehe Schwerpunkt 1)
Philosophieren und Theologisieren mit Kindern soll diese befähigen, eigene Zugänge zu den wesentlichen Grundfragen der Menschheit zu finden, zu durchdenken und zur Sprache zu bringen. Die Förderung kindlichen Staunens kann Ehrfurcht und Achtung vor eigenem und fremdem Leben und damit primäre religiöse Erfahrung bewirken. Die Förderung eigenständigen Fragens, Denkens und Entscheidens erweist sich als wichtiger Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung, insbesondere zur Prävention gegen jede Form von materiellen und geistigen Drogen und Gewalt.
Schriftspracherwerb
Der Erwerb der Schriftsprache erfolgt im Spannungsfeld unterschiedlicher sprachlicher Kompetenzen einerseits und verschiedener methodischer Zugangsweisen andererseits. Bereits im vorschulischen Bereich wird gegenwärtig vermehrt auf sprachliche Entwicklungsstände geachtet, der Spracherwerb verschiedener Herkunftssprachen erforscht und bei der Alphabetisierung berücksichtigt.
Die Freude am Lesen und Schreiben ist Ausgangspunkt und Ziel einer zeitgemäßen Grundschuldidaktik. Klassische Teilbereiche des Deutschunterrichts finden zunehmend mehr Berührungspunkte untereinander.
"Schreibkonferenzen" (nach Gudrun Spitta) beinhalten beispielsweise eine Reflexion mit dem Text des Kindes auf der Basis selbstbestimmten Lernens und eines erweiterten Textbegriffs.
"Rechtschreiben lernen von Anfang an" (nach Marion Bergk) weist auf eine linguistisch orientierte Rechtschreibdidaktik hin, die sich in die Entwicklungsmodelle des Lesen- und Schreibenlernens (etwa nach G. Scheerer-Neumann, J. Günther oder R. Valtin) harmonisch einfügt. Die Auseinandersetzung mit dem Rechtschreibfehler erfolgt aus dem Wissen, dass Fehler den individuellen Lernprozess begleiten und die Arbeit am Fehler einen notwendigen Prozess zur Erlangung (recht)schriftlicher Kompetenzen darstellt. Fehleranalysen in den Bereichen Rechtschreiben und Lesen durch den/die LehrerIn ermöglichen gezielte Fördermaßnahmen (nach A. von Wedel-Wolff).
Forschungsorientierter Sachunterricht
- Im Mittelpunkt steht die kindliche Neugierde und Freude am Entdecken und Erkunden der eigenen Lebenswelt und ihrer Phänomene
- Weltorientierung durch forschende Welterkundung: Vielfalt fachlicher Bezüge im Diskurs fächerübergreifender Perspektiven und Zusammenhänge
- Anschlussfähiges Wissen konstruieren und tragfähige Konzepte aufbauen
