Begabtenförderung im christlichen Verständnis
Auf der Basis des christlichen Weltbilds, das von einer Gleichwertigkeit, Verschiedenartigkeit und Unvollkommenheit der Person ausgeht, sind alle Menschen mit Vernunft und Gewissen begabt. Auf verschiedene Art und Weise verfügt jedes Kind über Talente, in intellektueller und emotionaler Hinsicht. Gemäß dem biblischen „Gleichnis von den Talenten“ sollen Begabungen nicht „vergraben“, sondern „ver-wertet“ werden – zum eigenen wie zum gemeinen Wohl. Talente berechtigen und verpflichten also gleichermaßen.
Begabungen sind Freiheiten, die verantwortet werden wollen bzw. sollen, nach dem Prinzip der Personalität, im kleinen wie im großen Rahmen. Was Bildung und Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft sowie Politik und Staat allgemein anlangt, betrifft Wissenschaft und Unterricht, Hochschule und Schule bzw. LehrerInnen und SchülerInnen insbesondere: Aus Potenzial soll Performanz werden. Begabungen bzw. Talente machen ihre Träger im ganzheitlichen Sinn mündig. Aus dem Discipulus wird ein Civis.
Aus der Heterogenität der Potenziale unserer Kinder und Jugendlichen erwachsen gleichsam Chancen. Chancen, sich dieser Vielfalt an Möglichkeiten zuzuwenden, sie zu nützen und dadurch letztlich auch über bessere Leistungsförderung, Individualisierung und Kompetenzentwicklung die kollektive Leistungsfähigkeit unserer Kinder/Jugendlichen, aber auch unseres gesamten sozialen Systems zu stärken.
Die Begabtenförderung an der KPH ruht auf zwei Säulen und trägt so zu einer begabungsförderlichen Lernkultur bei:
- Exzellentes Fachwissen in pädagogischer Diagnostik, Erkenntnisse aus der Lernforschung und Didaktikkenntnisse sollen den LehrerInnen helfen, die Spuren der unterschiedlichen Begabungen zu verfolgen, Talente und Begabungen zu erkennen.
- Aus begabungsfördernden Grundhaltungen von LehrerInnen und StudentInnen soll sich jene Sensibilität entwickeln, die notwendig ist, den Schatz der Begabungen behutsam zu heben, verantwortlich, intellektuell und emotional offen auf die unterschiedlichen Denkweisen des Kindes zuzugehen, uneingeschränkte Bereitschaft zu Lob und Ermutigung zu zeigen.
Der Anspruch einer ganzheitlichen Begabtenförderung umfasst neben unermüdlicher Erforschung des Wesens unterschiedlicher Begabungen auch die religiös- ethisch- philosophische Dimension von Bildung einer Dimension der wir uns schon aus unserem christlichen Weltbild heraus verpflichtet fühlen, und die aus unserer Sicht mit dem Begabungsbegriff untrennbar verbunden ist. Gelungene Begabtenförderung will somit als Ausdruck (pädagogisch) geglückter Personwerdung des Christenmenschen bzw. Begabungsforschung will als Unterstützung des Entfaltungsprozesses verstanden werden. Begabungen sind allerdings keine statischen, sondern dynamische Größen, die einer permanenten und konsequenten flexiblen Zuwendung (Vor- und Fürsorge) bedürfen, um kognitiv, kreativ und/oder sozial zur Geltung zu kommen. Sie ‚erblühen’ oder ‚verkümmern’ im Ausmaß, in dem sie gefördert werden.
Begabtenförderung und Begabungsforschung
Grundlage für eine gezielte und effiziente Bildungsarbeit ist die Wahrnehmung des Kindes in seinen individuellen Möglichkeiten, in der Vielfalt seiner Handlungen, in seinen Vorstellungen, Ideen, Werken und Problemlösungsstrategien. So ist es die vornehmste und wichtigste Aufgabe von uns PädagogInnen jedes einzelne Kind in seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen ernst zu nehmen, seine Einmaligkeiten zu entdecken. Dabei geht es um die behutsame, ganzheitliche Förderung von benachteiligten Kindern genauso wie um Kinder mit besonderen Begabungen.
Eine gezielte Bildungsarbeit mit dem Anspruch auf individuelle Förderung, die auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse unserer Kinder und Jugendlichen gerichtet ist, setzt spezifische Kenntnisse voraus, die über eine umfassende Aus- und Weiterbildung, die sich an neuesten Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung orientiert, gewährleistet wird. Gezielte Elternarbeit und konkrete Bemühungen im Bereich der Schulentwicklung leisten als wichtige Agenden an der Mitentwicklung begabungsförderlicher Lernkulturen einen wesentlichen Beitrag.
Auf allen genannten Ebenen gibt es an unserer Kirchlichen Pädagogischen Hochschule ernsthafte Bestrebungen diesen Anforderungen, die sich durch die ansteigende Heterogenität in unseren Klassen verstärkt sichtbar machen, über das Legen von Bildungsangeboten zu entsprechen.
Das Kompetenzzentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung versteht sich in diesem Zusammenhang als interdisziplinäres, strategisches Zentrum des Themenbereichs "Begabungen" nach innen und außen. Wissenschaftlich fundierte Forschungsarbeiten innerhalb der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule zu den einzelnen gewählten Themenschwerpunkten sollen die Einheit von Forschung und Lehre in allen Bereichen der Aus-, Fort- und Weiterbildung sichern, sollen aber auch einen Beitrag zum öffentlichen Bildungsdiskurs dieser gesellschaftspolitisch auch sehr wichtigen Thematik leisten. Internationale Kontakte sollen die „Begabtenförderung“ in einen breiteren bildungspolitischen Kontext setzen.
